Titelfot Tauchmann versus Thalhammer

Geht´s noch schräger? Infektiologe provoziert. Ärztekammerführung schweigt.

Aussagen des Infektiologen Florian Thalhammer in einem gemeinsamen Interview von Peter Filzmaier und GECKO-Chefin Katharina Reich in der Kronen Zeitung (HIER LESEN), wonach sich Ärzte in Bezug auf die Corona-Medikamente Paxlovid und Lagevrio „zu wenig auskennen“, lässt die Emotionen in der Ärzteschaft hochgehen.

Mehr noch, Thalhammer provoziert und erklärt, Patienten seien in der Materie besser informiert, als Hausärzte. Zudem erfahren Hausärzte dieser Tage aus den Medien, wonach der ministrielle Pandemie-Wächter, Johannes Rauch, den Hausärzten empfiehlt, ihre Patienten per Postkarte zu kontaktieren und ihnen ein Medikament anzubieten, wenn sie Symptome verspürten (HIER LESEN)

„Geht´s noch?“, spricht ein Arzt aus, was viele seiner Kollegen denken. „Will man Ärzte und Patienten verar…..?“ Die Stimmung brodelt im Bereich der Niedergelassenen. Und kein Wort aus der offiziellen Vertretung der niedergelassenen Ärzte. Die neue Führung in der Ärztekammer schweigt nobel.

Hausärztin Karoline Tauchmann von Hausarzt:konkret ist nun der Geduldsfaden gerissen. Sie fordert einerseits die Führung der Ärztekammer auf, „endlich Stellung zu beziehen und die Ärzte nicht im Regen stehen zu lassen“ und hat andererseits einen „Offenen Brief“ an Politikwissenschaftler Peter Filzmaier sowie die Chefredaktion der Kronen Zeitung NÖ verfasst, um den unerhörten Aussagen von Infektologen Florian Thalhammer im  Dreierinterview entgegenzutreten.

Sehr geehrter Herr Univ.-Prof. Dr. Filzmaier!

Sehr geehrte Chefredaktion der Kronen Zeitung NÖ!

ich bin Allgemeinmedizinerin im schönen Waldviertel – sprich, eine vom Aussterben bedrohte „Spezies“. Eine sogenannte Landärztin. Und dies aus Leidenschaft. Gleichzeitig bin ich in der Ärztekammer für Niederösterreich aktiv und habe hier die Funktion der Sektionsobfrau für Allgemeinmedizin.

Ich habe heute (24.07.2022) Ihr Interview in der Kronen Zeitung mit Dr. Reich und Prof. Thalhammer gelesen. Natürlich war die Schlagzeile „Problem sind uninformierte Ärzte und Apotheker“ sehr provokant gewählt, aber dass diese Aussage tatsächlich von einem Kollegen kommt, hat mich sehr verwundert und auch enttäuscht.

Wenn ich Prof. Thalhammer richtig verstehe, haben Patienten mehr Wissen bzgl. der Indikation für die Verabreichung von Paxlovid als wir ÄrztInnen im niedergelassenen Bereich.

Hierzu möchte ich Stellung beziehen: ich würde es mir niemals anmaßen, einen Kollegen oder Kollegin öffentlich als uninformiert zu beleidigen, zumal wir HausärztInnen die Indikationsstellung für die Verabreichung von Paxlovid sehr wohl kennen und diese auch in der Praxis umsetzen.

Das RKI hat z.B. eine hervorragende Homepage, auf der man sich detailliert über die Indikation für die Verabreichung von COVID-Medikamenten informieren kann. Leider konnte ich dort nicht nachlesen, dass JEDER mit Symptomen unmittelbar nach einem positiven AG-Test Paxlovid erhalten sollte. Vielmehr wird es für jene Personengruppe empfohlen, bei der man aufgrund der Vorerkrankungen mit einem schwereren Verlauf rechnen muss. Zum Glück hat nicht JEDER diese Vorerkrankungen! Daher verstehe ich diese Aussage von Prof. Thalhammer nicht.

Ein weiteres Problem ist, dass wir HausärztInnen aufgrund von gesetzlichen Vorgaben nicht informiert werden, wenn ein Patient von uns in der Teststraße, Apotheke oder zuhause positiv getestet wurde. Wir erfahren das oft erst Tage später, da ist die Gabe dieses Medikamentes dann auch zu hinterfragen. Weiters gibt es auch eine Reihe von Kontraindikationen. Wer sollte denn diese überprüfen wenn nicht der Hausarzt? Vielleicht der Apotheker oder die Behörde?

Dass ein namhafter Infektiologe soviele Dinge aus dem realen Alltag nicht in seiner Aussage berücksichtigt, macht mich sehr traurig. Ich versuche, mit vielen anderen KollegInnen des Vereins Hausarzt:konkret das Image der Hausärzte zu verbessern und gleichzeitig werden wir aber aus den eigenen Reihen mit Füßen getreten.

Wir Hausärzte konnten nicht wie Prof. Thalhammer am Anfang der Pandemie 100% unserer Arbeit auf Corona beziehen und nun 80%. Wir mussten immer und von Anfang an unter widrigsten Bedingungen für unsere PatientInnen zu 100% da sein! Das hat sich bis heute nicht verändert. Die COVID-bedingte Zusatzarbeit ist da noch nicht mit einberechnet! Schade, dass dies nicht einmal von den eigenen Kollegen wertgeschätzt wird! Wie soll es dann in der Bevölkerung zu einer Wertschätzung kommen, wenn am Sonntag in einer der wichtigsten Tageszeitungen Österreichs eine solche Schlagzeile zu lesen ist.

Ich und viele meiner KollegInnen sind sehr enttäuscht über diese Aussage und wünschen uns eine entsprechende Klarstellung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Karoline Tauchmann, Hausärztin

Eine Reaktion auf Tauchmanns Brief lesen Sie hier

(wp/27JUL2022)